Paleochora

Paleochora

DER GRIECHISCHE ALLTAG

FAMILIE UND GESELLSCHAFT Wie in allen Mittelmeerländern ist die Großfamilie auf Kreta traditionell eine der wichtigsten Institutionen der Gesellschaft. Die isolierte Insellage, zudem eine Schutzhaltung gegenüber der ständigen Überfremdung durch Eroberer, sowie die überwiegend agrarisch-kleinräumig strukturierte Wirtschaft ohne nennenswerte Industrie haben diese Tradition auf Kreta jedoch stärker lebendig erhalten als auf anderen Inseln und dem Festland.

Wichtigste Funktion des Familienverbandes ist, im Fall einer wirtschaftlichen Notlage eines Familienmitgliedes, die soziale Absicherung ,die vom Staat sogut wie nicht gegeben ist. Die Kernfamilie besteht mindestens aus drei Generationen. Die uneingeschränkte Autorität hat der Vater, meist sogar gegenüber seinen verheirateten Söhnen. Wenn er stirbt geht sie auf den ältesten Sohn über. Oft leben erwachsene Kinder nach der Heirat weiterhin bei den Eltern, in der Regel beim Vater des Bräutigams. Arbeitsemigration, Landflucht und die Möglichkeiten in Tourismusorten mehr Geld zu verdienen, haben aber inzwischen auch hier in Kreta allmählich das Aussterben der Großfamilie eingeleitet.

Eine wichtige Aufgabe des Familienvorstandes ist es, für das Erbe der Söhne und die Mitgift der Töchter zu sorgen. In der Regel wird Geld, ein Stück Land und - wenn möglich - ein Haus mitgegeben. In traditionsreichen Familien ist es nicht selten noch üblich, daß der älteste Sohn solange nicht heiraten darf, bis seine Schwestern unter der Haube sind. Im Falle des Ablebens des Vaters muß er für ihren Unterhalt sorgen.

DAS SOZIALBILD DER GRIECHEN Ca. 25% der Beschäftigten in Griechenland sind Staatsangestellte. Dies bedeutet, daß alle pragmatisiert sind, und somit unkündbar. Außerdem können sie, wie in Österreich; nach insgesamt 35 Arbeitsjahren in Pension gehen.

Es gibt, wie bei uns, verschiedene Krankenkassen, wobei aber große Unterschiede zwischen den einzelnen bestehen. Die Staatsangestellten haben natürlich die wesentlich bessere.

Alle Beschäftigten haben Anspruch auf 4 Wochen Urlaub. Der monatliche Durchschnittsverdienst beträgt 500 EUR, und das ist auch in Griechenland wenig. Die meisten Griechen haben aber jedoch neben ihrem Lohn noch eine (oder mehrere) andere Einnahmequelle (Landwirtschaft, eigenes Geschäft o.ä.). Die Arbeitslosenrate ist gleich hoch wie in allen anderen EU-Ländern die Inflation konnte mittlerweile etwas eingebremst werden. Der Staat holt sich Geld wo er nur kann und das hat bewirkt, daß Griechenland längst nicht mehr so preiswert ist, wie noch vor 8 bis 10 Jahren.

GRIECHEN IM AUSLAND Man sagt, daß nur die Hälfte der existierenden Griechen im Lande lebt. Vor Jahrhunderten sind viele Griechen wegen der schlechten Lebensbedingungen (Türkenherrschaft) ins Ausland gegangen, um für immer dort im jeweiligen Land zu bleiben. In unserem Jahrhundert gab es zwei Emigrationswellen. Die erste war in der Zwischenkriegszeit. Im Jahre 1922 sind über 1 Mio Griechen von Kleinasien vertrieben worden und nach Griechenland gekommen. Zum Beispiel haben sich in dieser Zeit sehr viele Kleinasieneinwanderer in Iraklion angesiedelt und über Nacht wurden wuchernde Vorstädte aus dem Boden gestampft. Dadurch stieg aber natürlich die Arbeitslosigkeit und viele wanderten daraufhin hauptsächlich in die Vereinigten Staaten und nach Australien aus.

Durch den Wiederaufbau nach dem 2. Weltkrieg, wanderten viele nach Mitteleuropa, vor allem Deutschland und die BENELUX-Länder, aus, weil die Verdienstmöglichkeiten dort ungemein besser waren als hier in Griechenland. Ebenfalls waren die USA ein sehr beliebtes Auswanderungsziel. Seit den letzten 20 Jahren findet wieder eine Rückkehr statt.

BILDUNGSWESEN Der Besuch von Kindergarten (Pronipio) und Vorschule (Nipio) ist freiwillig, aber allgemein üblich, weil auch kostenlos. Mit fünf oder sechs Jahren erfolgt die Einschulung.

In der Volksschule, die sechs Jahre dauert, werden nur Neugriechisch und die bei uns üblichen Gegenstände gelehrt. Altgriechisch lernen die Kinder später im Gymnasium. Neben der Volksschule besuchen fast alle Kinder noch eine Privatschule für Fremdsprachen. Die meisten lernen dort Englisch, in den letzten Jahren kommt immer mehr Deutsch bei den Jugendlichen (oder ihren Eltern?) in Mode.

Nach der Volksschule besucht man das Gymnasium, das drei Jahre dauert. Es ist aber nicht mit unserem gleichzusetzen. Viel mehr kann man es als soetwas wie eine integrierte Gesamtschule bezeichnen, deren Besuch gesetzlich vorgeschrieben ist. Im Gymnasium lernt man eine Fremdsprache (man kann wählen zwischen Englisch und Französisch). Trotzdem besuchen die Kinder weiter die Privatschulen, weil dort der Unterricht um einiges besser ist, als in den öffentlichen.

Nach diesen neun Jahren können die Jugendlichen die Schule beenden oder eine höhere Schule besuchen. Wenn sie ein solches Lyceum (zur Erreichung der Universitätsberechtigung) besuchen wollen, müssen sie eine Aufnahmeprüfung bestehen und sich für eine von vier Richtungen entscheiden - je nach dem, was sie später studieren wollen. Natürlich sind sie von den anderen drei Richtungen nicht ausgeschlossen, nur werden die gewählten intensiver unterrichtet.

Das Abschlußzeugnis der 12. Klasse berechtigt noch nicht zum Studium. Da auf jeden Studienplatz ca. vier Bewerber fallen, müssen harte Aufnahmeprüfungen bestanden werden. Nur die besten Bewerber dürfen in Athen studieren, der Rest der erfolgreichen Probanden wird auf die anderen Universitäten des Landes verteilt, wie zum Beispiel die "University Of Crete" mit ihren Fakultäten in Chania, Rethymnon und Iraklion). Nur ca. 20% aller Bewerber werden an der Universität aufgenommen. Für jedes Studium sind acht Semester vorgeschrieben, Ausnahme Medizin mit zwölf.

TAGESABLAUF DER GRIECHEN Natürlich kann ich nur den allgemein bekannten, typischen Tagesablauf beschreiben, der zwar nicht auf alle, aber doch auf viele Griechen zutrifft. Die meisten stehen zwischen 6 und 7 Uhr morgens auf und arbeiten bis 13 oder 14 Uhr. Nach einem Mittagessen ist die Zeit für eine Siesta gekommen, die bis 17 oder 18 Uhr dauert. Bei einem Griechen zwischen 14 und 18 Uhr anzurufen gilt als schwerer Fauxpas. Ab ca. 20 Uhr ist Zeit für die Volta: in kleineren oder größeren Gruppen flanieren Männer und Frauen (häufig noch nach Geschlechtern getrennt) auf den Hauptstraßen und der Platia (Dorf- oder Hauptplatz; kommt von Platanos, die Platanie die früher noch auf jedem Dorfplatz gestanden ist) auf und ab. Man ist gut gekleidet, hat, wenn man die Familie mitnimmt, die Kinder herausgeputzt, will sehen und gesehen werden. Erst gegen 22 Uhr läßt man sich zum üppigen Abendessen nieder. Pame na fame (gehen wir essen) - man läßt sich Zeit, es werden immer wieder neue Gerichte aufgetragen, eher ein Gelage als ein bei uns übliches Abendessen.

Hat man Gäste oder etwas zu feiern, sucht man vielleicht noch eine Bouzoukia, hier in Kreta auch teilweise Kritiko Kentro genannt, auf; ein traditionelles Musiklokal mit griechischer Live-Musik. Solch ein Besuch wird freilich teuer, da man in der Bouzoukia Getränke nicht glas-, sondern gleich flaschenweise bestellt - und nicht etwa Wein oder Ouzo oder Tsikudia, sondern bevorzugt Whisky. Dafür kann beim Orchester aber auch die Musik gewünscht werden, zu der man tanzen will.

In den Dörfern ersetzt teilweise ein Besuch im Kafenion den Männern die abendliche Volta. Das Kafenion ist ein guter Ort, um mit Griechen ins Gespräch zu kommen. Probieren Sie´s doch einfach aus - und genießen Sie dabei ein Gläschen Ouzo oder Tsikudia (Raki) oder ein Tässchen Kaffee. Auch im kleinsten Ort findet man zumindest ein Kaffeehaus.

Das KAFENION ist das griechische Kaffeehaus und eindeutig eine Domäne der Männer. Hier wird vorwiegend Karten oder Tavli (griechisches Brettspiel, vergleichbar mit unserem Backgammon) gespielt, diskutiert und vor allem politisiert. Auch sieht man die meisten Männer mit ihren Kombolois spielen.

Das KOMBOLOI ist eine Perlenkette - typisches Utensil von Kaffehausbesuchern. Sein Ursprung ist religiös, da es sich früher vom Rosenkranz ableitete. Es kommt aus dem kleinasiatischen Raum. Viele Lieder erzählen von diesem Komboloi, mit dessen Perlen man den Kummer zählen kann. Bedenken Sie nur wie oft und wie lange Griechenland und seine Insel von Fremdherrschern besetzt war.

KAFFEE zu trinken bekommt man in den Kafenia verschiedene Sorten:

Griechischer Kaffee (kafe eleniko), der mit dem Satz aufgekocht wird, man bestellt ihn sketo = ungesüßt, metrio = halbsüß, gliko = sehr süß

Nescafe sketo, metrio, gliko; me gala = mit Milch

Frappe ist geshakter kalter Nescafe, ein sehr erfrischendes Getränk mit Eiswürfeln den man genauso bestellt wie heißen Nescafe

Außer den verschiedenen Arten des Kaffees bekommt man im Kafenion auch noch OUZO und TSIKOUDIA (RAKI) zu trinken. Beim Ouzo handelt es sich um den bekannten griechischen Anisschnaps, den man entweder pur oder mit Wasser trinkt. Tsikoudia oder Raki (nicht zu verwechseln mit dem türkischen Raki, das ist der türkische Anisschnaps) ist eine kretische Spezialität und mit dem italienischen Grappa zu vergleichen, wird jedoch nur einmal gebrannt.

Im Kafenion gibt es zu den Schnäpsen meistens kleine Schälchen mit Nüssen, Pistazien, Kürbiskernen oder Kichererbsen; manchmal auch mezedes, kleine Häppchen, mit Gurken, Tomaten, Schafskäse und Oliven.

Wie bereits erwähnt: Frauen gehen nicht ins Kafenion. Nicht weil es ihnen nicht erlaubt wäre, sondern weil es einfach nicht üblich ist. Sie treffen sich am Straßenrand, auf der Veranda oder auf dem Balkon, wo dann ebenfalls gemütlich geplaudert oder gehandarbeitet wird. Die lauen Sommernächte laden natürlich speziell dazu ein.

In den Sommermonaten fährt die ganze Familie an den Wochenenden ans Meer, wer ein Sommerhaus am Strand besitzt, macht hier auch meistens seinen Urlaub. Dazu werden auch oft noch die Großeltern mitgenommen - diese gehen zwar oft nicht schwimmen, setzen sich aber in eine benachbarte Taverne in den Schatten und beobachten die jüngere Generation oder halten ein Schwätzchen mit alten Bekannten.

 

Eine weitere typisch griechische Einrichtung ist das PERIPTERO. Dieser kleine Kiosk gehört zum traditionellen Straßenbild, in demselben Maße wie das Kafenion. Der Kiosk ist ein kleiner Supermarkt für sich. Es ist einfach erstaunlich, welche und wieviele Artikel es hier zu kaufen gibt. Es gibt fast nichts, was Sie hier nicht kaufen können. Neben Zeitungen und Zigaretten gibt es viele Artikel des täglichen Bedarfs. Meist ist das Periptero bis spät in die Nacht geöffnet und von fast jedem können Sie auch telefonieren, zum gleichen Tarif, wie von den Telefonzellen oder der OTE.

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